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Im Alltag in der Kinder und Jugendsportschule

 

Internate als Bestandteil des pädagogischen Konzeptes

- nur ein Berliner Modell?

In neueren Publikationen über die Sportgymnasien und die Regelschulen mit verstärkter sportlicher Orientierung ist oft zu lesen, welcher hohe Stellenwert und welche große Bedeutung der Internatserziehung - als Bestandteil des pädagogischen Konzepts dieser Schulen - zukommt. So ist z.B. in der Zeitschrift „Schulische Talenteförderung im Sport - Das Berliner Modell" von folgenden Hauptaufgaben der den Sportgymnasien angegliederten Internate die Rede:

- Betreuung bei der Erledigung der Hausaufgaben

- Durchführung von Stütz- und Fördermaßnahmen

- Hilfestellung bei der Planung und Umsetzung der sportlichen und schulischen Karriereentwicklung

- Gestaltung der Freizeit als wesentlicher Bestandteil der Erziehung im Internat.

Gar so neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht, denn sie wurden in der Ganztagsbetreuung der Schüler im Internat der ehemaligen KJS „Werner John" Bad Blankenburg/Jena, dem jetzigen Sportgymnasium „Johann Chr. Fr. GutsMuths" Jena schon seit vielen Jahren angewendet und zwar mit solchem Erfolg, daß in der Abteilung Sport des früheren Ministeriums für Volksbildung der DDR eigens eine Fachkommission „Internate der KJS" berufen wurde, deren langjähriger Vorsitzender der Internatsleiter der KJS „Werner John" Bad Blankenburg, mein Amtsvorgänger, war und die eben von dieser Schule viele wertvolle Impulse, Anregungen und Hinweise für die Arbeit in den KJS-Internaten empfing.

So kam es z.B. den Bad Blankenburger Erziehern darauf an, die hohe sportliche und schulische Belastung der jungen Athleten durch sinnvolle und lustbetonte Freizeitgestaltung auszugleichen und psychische und physische Verschleißerscheinungen, die vorwiegend durch Training und Unterricht bedingt waren, möglichst rasch zu überwinden.

Das war leichter gedacht und gesagt als getan, denn die verschiedenartige Trainingsgestaltung und der unterschiedliche Tagesrhythmus der Leichtathleten, Turner, Ringer, Fechter und Fußballer ließ oftmals für „organisierte" Freizeitgestaltung nur wenig Platz. Und trotzdem wurden über Jahre Formen und Methoden gefunden, den Internatsschülern - in Bad Blankenburg gab es nur ganz, ganz wenig Externe - in Arbeitsgemeinschaften, Kursen, Zirkeln, Vortragszyklen, Klubabenden und anderen Veranstaltungen das Kochen, Nähen, Fotografieren, Zeichnen und Malen, Basteln, den Modellbau, Gesellschaftstanz und manches andere beizubringen und sie für die verschiedensten Hobbys zu begeistern.

 
Bild:Tanzstunden Abschlussb...
Bild:Tanzstunden Abschlussball 1969 - Turner und Leichtathleten

Bild:Tanzstunden Abschlussball 1969 - Turner und Leichtathleten




 

Klassenfeste, Weihnachtsfeiern, Faschingsfeten wurden für die Schüler und vor allem mit den Schülern vorbereitet und durchgeführt, und selbst die Feierlichkeiten zur Jugendweihe fanden an unserer Schule als Ganztagsveranstaltung statt. Manche Mutti, der ansonsten die Hauptverantwortung für das festliche „Erwachsenwerden" von Tochter oder Sohn oblag, ist uns noch heute dankbar dafür.

Oft zwangen uns auch ganz einfach die früher hinreichend strapazierten „objektiven Gegebenheiten" dazu, bei unseren jungen Leuten Elternstelle zu vertreten oder es zumindest zu versuchen, weil

- der Einzugsbereich unserer Schule acht (!) Bezirke der DDR umfaßte

- und die Athleten aus dem Vogtland, dem Erzgebirge und der Altmark manchmal bis zu 10 Wochen nicht nach Hause fahren konnten.

Da hatten es die Mittelstreckler aus Königsee, Sitzendorf oder Uhlstädt wesentlich einfacher, und noch heute entlockt es mir ein Schmunzeln, wenn ich auf Urlaubsanträgen folgende Begründung las:

„Ich möchte bitte schnell einmal nach Hause laufen (!)"

Das schrieb mir Dr. Jörg Schmidt, heute Wissenschaftler in Leipzig, damals wohnhaft in Königsee.

Nach Hause sind sie alle gern gefahren (oder gelaufen), aber die meisten kamen auch fast genau so gern wieder nach Bad Blankenburg zurück. Das halben sie uns beim Wiedersehenstreffen anläßlich des 40. Jahrestages unserer Schule eindrucksvoll bestätigt, und das vielfach zu hörende

„Weißt Du bzw. wissen Sie noch ...?" oder „Denkst Du/denken Sie noch daran ...?"

hat nicht nur den Erziehern auch nach vier Jahrzehnten bewiesen, daß ihre Arbeit kein „Modellfall", sondern nicht immer einfach zu bewältigende pädagogische Alltagspraxis war, der sie sich mit viel Engagement und mit nicht immer sofort sichtbarem Erfolg unterzogen haben, die sich letztendlich aber doch im Leben und Wirken der meisten der ehemaligen Bad Blankenburger Zöglinge bestens bewährt hat.

Harry Arnoldt Internatsleiter von 1965 bis 1971

 
 
 
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