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Vom Spartakiadesieger zum Vorstandschef in Jena

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Thüringer im Porträt: Der Jenaer Udo Böttcher war ein Jahrhunderttalent im Turnen. Heute führt er erfolgreich einen Großhandel.

Es sind solche Lebensläufe, von denen man nicht glaubt, dass es sie gibt. Oder zumindest nicht in Ostthüringen. Vom jugendlichen Spartakiadesieger und erfolgreichsten Juniorturner der DDR zum Copy-Shop-Betreiber und heutigen Vorstandschef eines Büro-Großmarktes mit 62 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr. Tendenz steigend.

Das ist die Geschichte von Udo Böttcher aus Jena. Und während er sie in seinem geräumigen, gelb gemalerten Büro in der ersten Etage seiner riesigen Versandhalle in Jena erzählt, laufen unten die Geschäfte reibungslos auch ohne ihn. Das war nicht immer so. Denn Udo Böttcher, 1964 in Gera geboren, hat für jeden seiner Erfolge gekämpft. Das hat er von Kindesbeinen an gelernt.

Sein Vater ist Wismut-Kumpel, die Mutter arbeitet in einer Schule, und Udo Böttcher wächst mit zwei Brüdern zunächst in Gera auf. Er ist sieben Jahre alt, als er mit dem Turnen beginnt und dreimal pro Woche trainiert. 1976, mit Beginn der fünften Klasse wechselt der Junge an die Kinder- und Jugendsportschule nach Jena. "Er war eine kleine Maus, und ich wollte ihn zunächst gar nicht nehmen", erinnert sich sein damaliger Jenaer Trainer, Dieter Petersdorf. "Aber als ich Udo das erste Mal in Bewegung sah, wurde mir sofort klar: Der Junge ist ein Jahrhunderttalent", gerät der Kunstturntrainer noch immer ins Schwärmen. "Bei athletischen Tests hat er Dinge gekonnt, die für andere unmöglich waren." Im Alter von 13 Jahren hält er beispielsweise den Kreuzhang, was für seine ungewöhnliche Kraft spricht. Trainer und Sportler proben schon 1982 eine Weltneuheit, ein Kraftelement am Ring, das erst 20 Jahre später von anderen Turnern gezeigt werden wird. "Seine Schnellkraftfähigkeit, die genetisch bedingte Explosivität seiner Muskeln war beeindruckend und hat ihn ganz nach vorn gebracht", erzählt Dieter Petersdorf.

Das Verhältnis zwischen dem jungen Sportler und seinem Trainer ist wie das zwischen Vater und Sohn. "Ich habe mehr Zeit mit ihm verbracht, als mit meinen Kindern. Wir haben täglich fünf bis sechs Stunden trainiert und waren am Wochenende auf Wettkämpfen", erinnert sich Dieter Petersdorf. Wegen der sportlichen Erfolge werden beide die Hälfte des Jahres außerdem gemeinsam auf Lehrgänge geschickt. "Er hat bei mir als Ausnahmesportler keinerlei Vorzüge genossen. Im Gegenteil, ich habe ihn härter rangenommen, als die anderen", so der Trainer. Die Ruppigen waren und sind ihm noch immer die liebsten, erzählt der Jenenser. Und Udo Böttcher war so einer. Reibereien gab es durchaus, und die Pubertät der jungen Sportler war auch auf einer Kinder- und Jugendsportschule keine einfache Zeit für junge Internatsbewohner wie erwachsene Betreuer. Dennoch: "Diejenigen, die durch die harte Schule des Kunstturnens gegangen sind, sind die härtesten Kerle geworden", ist der Trainer überzeugt. "Es war ein hartes Training, aber eine gute Zeit. Ich habe ab der fünften Klasse gelernt, für meine Ziele zu arbeiten, mich durchzubeißen", sagt Udo Böttcher rückblickend. Werte, wie Leistungsstreben, Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin, Kameradschaft und Ehrlichkeit, die ihm als jungen Menschen auf der Sportschule vermittelt wurden, zählen ihm auch heute als Geschäftsmann noch.

 
Bild: 1985 Udo in der Meist...
Bild: 1985 Udo in der Meisterklasse angekommen Udo Böttcher wird der erfolgreichste Juniorturner der DDR. Bei drei Spartakiaden erturnt er neun Gold-, acht Silber- und drei Bronzemedaillen es gibt keinen Besseren. 1982 bei den Jugendwettkämpfen der Freundschaft, bei denen au&...

Bild: 1985 Udo in der Meisterklasse angekommen





Udo Böttcher wird der erfolgreichste Juniorturner der DDR. Bei drei Spartakiaden erturnt er neun Gold-, acht Silber- und drei Bronzemedaillen es gibt keinen Besseren. 1982 bei den Jugendwettkämpfen der Freundschaft, bei denen außer Kuba alle sozialistischen Länder antreten, holt er sich den Titel am Barren. Böttcher wird Nationalmannschaftsanwärter. 1988 zur Olympiade hatte Udo Böttcher eine entscheidende Rolle spielen können, ist sich der Trainer sicher. Doch obwohl es der Turner bis dato nach langwierigen Verletzungsausfällen immer wieder zu absoluter Spitzenform schaffte, bedeutete eine Kreuzbandverletzung 1986 bei einem Länderwettkampf gegen die CSSR letztlich das Ende seiner Karriere als Turner und der Rückzug vom aktiven Sport.

Er beginnt 1988 ein Fernstudium als Trainer. Doch das ist nicht sein Ding, Udo Böttcher will lieber Elektriker werden. Mit der Wende er hatte 1989 gerade geheiratet wird er als Trainer entlassen. "Ein Glücksfall damals, denn ich hatte dadurch Zeit, mir etwas Neues aufzubauen", sagt er heute.

"Er war schon immer der geborene Händler und Unternehmer", erinnert sich sein Trainer. "Und, was ihm hoch anzurechnen ist, trotz seines Erfolges hat er heute nicht den Sinn für die Realität verloren."

Zunächst organisiert er weit über Jena hinaus in ganz Ost-Deutschland Flohmärkte. Da er zu DDR-Zeiten selbst Gartenzwerge, Wandsprüche, Bilderrahmen und ähnliches aus Gips herstellte, anmalte und vertrieb, kannte er sich auf den Märkten bestens aus. Die Geschäfte laufen zunächst gut bis die Plätze auch unter den West-Kollegen neu verteilt werden. Für die Werbung schafft sich Udo Böttcher einen Kopierer an. Der legendäre, mit dem seine zweite Karriere beginnen sollte. Udo und Petra Böttcher kopieren auch für Kunden. Zwei Jahre lässt er sich acht Stunden täglich zum Steuerfachgehilfen ausbilden, ab 16 Uhr steht er am Kopierer. Das Ehepaar zieht mit dem kleinen Geschäft in zwei schäbige Räume in die Friedrich-Engels-Straße in Jena um. Aus ursprünglich einem Kopierer werden vier. Der Verkauf von Büromaterial kommt dazu. Doch die Einnahmen sind zunächst nicht üppig, das Geld der Familie wird knapp. Udo Böttcher muss handeln. Er beschäftigt sich mit Direktmarketing und Werbung, kauft Adressen von Jenaer Firmen auf und wendet sich direkt an sie.

 

Er widmet sich der Marktanalyse ein wichtiger Baustein zum Erfolg. Die Richtung ist nunmehr klar. 1994 wird aus dem 40 Quadratmeter kleinen Geschäft ein Handel für Bürobedarf auf 300 Quadratmetern. Doch um der Kundennachfrage gerecht zu werden, baut das Unternehmen 1998 eine eigene Logistikhalle Udo Böttcher wird Großhändler, kann durch Menge entsprechende Preise anbieten. Seine Ware kommt auch heute noch zu 99 Prozent aus Deutschland.

2006 baut er in Jena-Lobeda sein Unternehmen ist mittlerweile eine Aktiengesellschaft geworden eine noch größere Halle, 5800 Quadratmeter groß für Bürobedarf vom Radiergummi bis zum Kopierer. Weithin leuchtet der Bau in Gelb, Udo Böttchers Lieblingsfarbe. "Nicht nur im Preis gut sein, sondern vor allem in Service", schreibt sich der Unternehmer auf die Fahne. Und hat Erfolg mit seinem Konzept. Mit seinen 160 Mitarbeitern, die wie in einem Ameisenhaufen emsig durch die 22 Gänge des riesigen Lagers flitzen, die Waren auf einem Wagen zusammentragen und zur Packstation eilen, macht er monatlich fünf Millionen Euro Umsatz. "Das entspricht rund 7000 Euro-Paletten voll Waren in jedem Monat, 300 an jedem Arbeitstag ausräumen, einsortieren, auswählen, neu verpacken."

Schon wieder ist Udo Böttcher mit seiner Halle am Limit angelangt. Einmal noch will er anbauen, die Arbeitsbedingungen für seine Mitarbeiter verbessern.

Was ist er für ein Chef? "Hart aber gerecht", sagt er von sich. "Und auch, wenn ich mal im Unrecht bin, solange ich immer mehr Leute einstellen und auch die Lohnentwicklung steigern kann, habe ich mehr positive als negative Entscheidungen für die Firma getroffen. So lange das so ist, bin ich zufrieden." In zehn Jahren vielleicht will er sich mehr Ruhe gönnen. Jetzt noch nicht. "Es macht mir immer noch ungemein Spaß, mit den Leuten zu arbeiten. Wir sind eine gute Truppe", sagt der Vorstandschef selbst. Im Vergleich eines Unternehmens, das die größten Online-Shops zertifiziert, holte sich die Büromarkt Böttcher AG den Sieg, berichtet er stolz. "Der Kunde ist König. Und Reklamationen, die empfindlichste Stelle beim Kunden, sind stets Chefsache."

Über neun Jahre hinweg kennt er auf dem Weg nach oben nur seine Arbeit. Der Kontakt zu Freunden, zur Außenwelt bricht ab, Sport fällt weg. Erst die Lektüre des Buches "Sorge dich nicht, lebe!" von Dale Carnegie öffnet ihm die Augen. "Nicht immer nur auf die Menschen schauen, denen es besser geht, sondern auch zu jenen, die schlechter dran sind, das ist die Botschaft des Buches und ein stückweit zu seiner Lebensphilosophie geworden. Nach neun Jahren geht er wieder in die Halle, sucht Kontakt zu den Turnern.

Heute kann er seine Arbeit delegieren und gewinnt dadurch Lebenszeit. Zu seinem 40. Geburtstag schart er wieder 140 Kumpels, Freunde, Turner um sich und ist überglücklich angesichts der neuen Lebensqualität. Er fährt viel Fahrrad, spielt Volleyball, macht Fitnesstraining. "Turnen ist mittlerweile schwierig, auch das linke Knie ist seit einem Fußballspiel im vergangenen Jahr kaputt", sagt er, hadert aber nicht mit seinem Schicksal. Vielleicht wird sein Sohn, derzeit BWL-Student, die Firma übernehmen. "Er wird es schwer haben. Solch eine Firma zu leiten, ist nicht einfach. Ich hab sie aufgebaut und alles durchlaufen vom Wareneingang übers Einpacken, Buchhaltung bis zur Softwareentwicklung. Unser Sohn wird Jahre brauchen, um einen Durchblick zu bekommen."

 
Udo Böttcher ist nicht...
Udo Böttcher ist nicht nur zufrieden mit seinem Leben, er würde gern auch anderen helfen. "Wir suchen tatsächlich sozial engagierte Vereine und Institutionen, die wirklich hilfebedürftig sind, krebskranke Kinder, Rentner, Kranke. Aber es ist schwierig, die richtigen rausz...

Udo Böttcher ist nicht nur zufrieden mit seinem Leben, er würde gern auch anderen helfen. "Wir suchen tatsächlich sozial engagierte Vereine und Institutionen, die wirklich hilfebedürftig sind, krebskranke Kinder, Rentner, Kranke. Aber es ist schwierig, die richtigen rauszufiltern", sagt er. Vor anderthalb Jahren hat Udo Böttcher nicht gezögert: Nikolai Andrianow aus Russland, mit 15 Olympia-Medaillen der erfolgreichste Turner überhaupt, litt lange Jahre an der unheilbaren Krankheit Multisystematrophie, die ihn bewegungsunfähig machte. Mit einem großen Batzen Geld wollte Udo Böttcher dem einstigen Turn-Weltstar und seiner Familie das Leben etwas erträglicher gestalten. Er kam nicht mehr dazu. Kurz vor der Übergabe verstarb Andrianow im März 2011.

Quelle:
Aus der OTZ vom 10.03.2012
Text Ulrike Kern (Text)
und Tino Zippel (Foto)

 
 
 
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