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Ich war Schüler seit der Stunde Null!

 

(Januar 1955 bis Juli 1958)

Die mit großer Spannung erwartete Nachricht war da! Angenommen für Bad Blankenburg. Ich, ein sportliches Mädchen von 141/2Jahren, durfte Schülerin der KJS Bad Blankenburg werden! Ein großer Einschnitt in meinem Leben • fort von zu Hause, Abschied von Familie und Freunden - das Internatsleben sollte für mich in den nächsten Jahren die Hauptrolle spielen. Neue Freunde, neue Lehrer und der Sport als „Hauptfach" beschäftigten meine Phantasie auf der Zugfahrt von Gera nach Saalfeld und dann weiter nach Bad Blankenburg im Thüringer Wald. Und dann stand ich mit meinem Papa und dem Pappkoffer an einem kalten Januartag 1955 vor dem großen Gebäude - Straße der Jugend 14 - KJS.

In einem Vierbettzimmer begrüßten mich Ursel und Hanne aus Jena und Lilo aus Greiz. Neugierig erkundigten wir uns, wer noch zur Klasse 9 gehörte - denn wir waren fortan für etliche Jahre in dieser Schule die „Großen". A propos: Als Große kümmerten wir uns um unsere Kleinen aus der Klasse 5 - sie bekamen sogar Gute-Nacht-Küßchen. „Meine" Annedore Kalwa war der Floh unter den kleinen Mäusen.

(Wie schlug mein Herz vor Freude, als sie zum 40. Schuljubiläum nach nun über 30 Jahren in der Stadthalle von Bad Blankenburg mit ausgestreckten Armen auf mich zukam und ausrief: „Meine Mutti"!)

Ein großer Wermutstropfen der Anfangszeit war: Täglich zogen wir zum Mittagessen mit Gesang(!) - „zur Gummibude".

Der Unterricht der Schule fand in diesem Jahr noch in den Räumen des Internats statt. Kein Wunder, daß da unsere Lehrer und Erzieher von Zeit zu Zeit unsere allzu saloppe Kleiderordnung tadeln mußten: Schürzen, Hauslatschen.

Widerstand gab es Ende 1955 in unserer Klasse gegen die 2. Fremdsprache, es sollte Französisch sein. Wir aber wollten doch Englisch. Unser armer Monsieur Hutschenreuter, er sollte der Blitzableiter sein. Gelernt wurde nicht viel, wir „spickten" - sportlich gesehen - wie die Weltmeister. Mon dieu! Später kam die Einsicht - ich mochte diese Sprache und lernte mit Freude (was mir heute beruflich von großem Nutzen ist).

Da unsere Lehrer und Erzieher für uns ja versuchten, die Eltern zu ersetzen, gab es - besonders für uns Mädchen - in regelmäßigen Abständen durch den Direktor (unseren Mister Black) Lektionen in Disziplin und Moral. Damais senkten wir verschämt und ertappt die Augen - aus heutiger Sicht zum Schmunzeln ...
Wir Mädchen der Klasse 9 und dann später der Klasse 10 setzten natürlich auch unseren Charme ein, wenn es galt, unseren Internatsleiter, Herrn Friedrich, dazu zu bringen, über Internatsfunk die Hitparade von Radio Luxemburg zu übertragen. Ein Risiko für ihn - eine Riesenfreude für uns.

Ich erinnere mich, daß es einmal eine Meuterei - gemeinsam mit unserem Direktor • über das Essen gab, der Verpflegungssatz war täglich 1,40 Mark. Er wurde auf Intervention der Schulleitung bei den staatlichen Stellen von Jahr zu Jahr erhöht. Man darf nicht vergessen, es gab zur damaligen Zeit ja noch Lebensmittelmarken. Die Internatskosten betrugen monatlich 42,00 Mark und damit waren wir gut versorgt und konnten uns geborgen fühlen.

Ein sorgloses Leben für uns Teenis zwischen Klassenraum, Sportplatz, Turnhalle und Freunden. Ich erinnere mich gern unserer Winterlager, und unsere Sportlehrer versuchten aus Skihasen Skiläufer zu machen. Ich erinnere mich weiter der ersten Turnstunden im kleinen Saal der Stadthalle - unser Sportlehrer war Herr Späte - und an unseren ersten Sportunfall an der Schule von Ursel.

Unsere „politisch-ideologische Arbeit" waren die Wettkämpfe. Zwischen den zaghaften ersten Schritten von den kalten Januartagen 1955 bis zum Abitur im Juli 1958 lagen Welten: Unsicherheit, ein wachsendes Zusammengehörigkeitsgefühl, erste Liebe, Stolz über errungene Siege bei Wettkämpfen und Erfolge in der Schule, aber auch Verlieren zu lernen - eine Verbundenheit, die bis heute standhielt.

Danke allen, die uns auf unserem Weg ins Leben zur Seite standen.

Evi Hadlich (Müller)
(1995)

 
 
 
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