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Maria-Theresia Heger Klassenlehrerin der Abiturklasse 1967mainCMS zeigen

 

Jeder erinnert sich anders an Maria.














 

Mir prägten sich diese Bilder und Geschichten ein:

Unsere Klasse, zwei Handvoll Schüler, war zum Kartoffellesen in Unterwirbach.
Wir standen eine Weile unschlüssig auf dem Feld herum. Der Brigadier machte keine Anstalten uns einzuweisen und fragte schließlich unwirsch, wo denn unser Lehrer bleibe. Grinsend wiesen wir auf Maria, die junge Frau neben ihm.
Er mag sich gefragt haben, wie diese zierliche Person mit uns Packern klar kommt.

 
Völlig verwirrt wä...
Völlig verwirrt wäre er wohl gewesen, hätte er erfahren, wozu sie uns häufig anstachelte. Sie war es, die uns, abenteuerlich kostümiert, zum Fasching und zur Kirmse gerade in sein Dorf trieb. Maria brachte es auch fertig, aus dem alljährlichen Fressfeldzug kleiner Gr...

Völlig verwirrt wäre er wohl gewesen, hätte er erfahren, wozu sie uns häufig anstachelte. Sie war es, die uns, abenteuerlich kostümiert, zum Fasching und zur Kirmse gerade in sein Dorf trieb. Maria brachte es auch fertig, aus dem alljährlichen Fressfeldzug kleiner Gruppen in die Kirschplantagen von Kleingölitz ein Gemeinschaftsunternehmen der ganzen Klasse zu machen. Solche eigenartigen „FDJ”-Veranstaltung hätten für sie übel enden können.

 
Maria konnte schockieren. A...
Maria konnte schockieren. Als Araber verkleidet, drängelte sie sich im Unterwirbacher „Deutschen Haus” in einer Tanzpause zwischen die Männern an die Rinne, um dann aufzujauchzen – „Huch, da bin ich wohl falsch?” – und lachend zu verschwinden. Die ver...

Maria konnte schockieren. Als Araber verkleidet, drängelte sie sich im Unterwirbacher „Deutschen Haus” in einer Tanzpause zwischen die Männern an die Rinne, um dann aufzujauchzen – „Huch, da bin ich wohl falsch?” – und lachend zu verschwinden. Die verdutzten Bauern lächelten finster. Jedenfalls hatte unsere Lehrerin mehr Interesse an Einlagen – so nannte sie derartige Aktionen – als ihre Schüler selbst. Wir waren ihr etwas zu lahm. Sie ist jedenfalls mit uns 13 Leutchen mehr als nur gut klar gekommen. Und sie war vielleicht diejenige unter den Lehrern, deren menschlichen Züge sich uns am Dauerhaftesten einprägten.

 

Mir allerdings war sie lange eher unverständlich und egal. Vielleicht gestand ich ihr weniger als älteren Leuten das Recht zu, über meine Leistungen zu entscheiden. Auf jedem Fall störte mich, dass sie unser sportliches Engagement überhaupt nicht berührte. Wenn sie etwas dagegen gesagt hätte oder sich wenigstens darüber gewundert, dass wir uns aus freien Stücken täglich plagten. So aber interessierte es sie schlicht nicht. Weder der uns zugedachten Perspektive als Diplomaten im Trainingsanzug, noch unserem Spaß an der Bewegung, am Schneller, Weiter und Höher als Selbstgenuss konnte sie irgendetwas abgewinnen.

Nur einmal wuchs unsere sportliche Achtung ihr gegenüber ins Unermessliche. Aus Übermut heraus hatten wir Hirsche nach dem Abi eine Wanderung verabredet: über den Rennsteig von Zella-Mehlis nach Gehren, 50 km. Maria ließ sich auch diese Einlage nicht entgehen. Aber dann: Non stop strömender Regen. Ab Allzunah noch drei Stunden mit Blut im Schuh wankte sie bis zum Ziel. Unsere Angebote, sie zu tragen, lehnte sie ab.

Herausfordernder als ihre sonstige sportliche Abstinenz war für mich, dass sich meine Lehrerin als gläubige Christin bezeichnete. Mir war unklar, wie ein gebildeter Mensch, im Osten aufgewachsen, gläubig sein konnte. Es war das direkte Gegenteil von dem, was ich als vernünftig ansah. Hierüber führte sie mit uns keine Diskussionen. Allerdings erzählte sie mal eine Episode. Ein Philosophie-Dozent an der Humboldt-Uni hätte der Uneinsichtigen in einer Seminardiskussion ein Stück Kreide in die Hand gedrückt und sie gefragt, was das sei.
„Kreide”, so Maria.
Darauf der Dozent: Die Antwort zeige, dass auch sie Materialist sei. Die Frage nach dem Verhältnis von Materie und Bewusstsein sei damit geklärt, die Wahrheit des dialektischen Materialismus bestätigt.

Obwohl ich das auch eher peinlich fand, traf mich ihr Spott. Mein Ärger verschwand erst später als ich verstand, dass diese Szene zwar etwas über den geistigen Horizont des Dozenten, nichts aber über Marx oder Hegel aussagte.

Nachhaltiger bewegte mich ein anderer Spruch. Ich weiß nicht, was dem vorausgegangen war. Vielleicht hatte ich sie mal provoziert. Es war ihr ernst. Sie könne als Christin deshalb für den Sozialismus eintreten, weil dieser auch eine von denjenigen sozialen Ordnungen sei, in der gute Bedingungen für die Entwicklung der Menschen bestünden.
Diese Haltung zur DDR freute und verunsicherte mich zugleich. Sollte ich Ungetaufter meine Bejahung der Gesellschaft, die wir damals für sozialistisch hielten, etwa mit Pfarrern teilen, von denen mir einer mal angedroht hatte, er werde mich noch am Ohr zur Christenlehre schleppen? Und dann, was heißt denn „auch” und „kann”? Welche Ordnung außer der unseren könnte denn noch eine menschliche sein? Ich hielt in diesem Falle nicht dagegen, ließ es beim inneren Monolog. Im Streit der doch geachteten Lehrerin und studierten Frau mangelnde Logik, Unwissenschaftlichkeit vorwerfen? Das schien mir wohl anmaßend, ihren Glauben in Frage stellen – unmöglich.

Marias Worte haben mich nie losgelassen. Vielleicht hat sie so dazu beigetragen, dass ich mich, statt für ein Physikstudium für das der Philosophie entschied und später mit Andersdenkenden gut zusammenarbeiten konnte.

Über meinen echten oder scheinbaren Widerspruch zu Maria hätte ich mit Erwin Schwarz reden können. In den letzten Jahren hatten wir ein gutes Verhältnis. Der Direktor achtete Maria hoch. Und sie ihn: „Ich bin oft nicht einverstanden mit ihm. Doch wie der Erwin sich für seine Ideale einsetzt. Solche Menschen müsste es mehr geben.”
Dann passierte dies: Kurz vor den Weihnachtsferien übernimmt Maria die Vertretung in einer unteren Klasse. Sie liest aus der biblischen Weihnachtsgeschichte vor. Darauf ein Anruf aus Gera, der Bezirksstadt. Es wird eine Aussprache gefordert, eine Versetzung Marias erwogen. Der Genosse Direktor stellt sich vor seine Kollegin. Unsere Klassenlehrerin bleibt an der Schule.

Maria und Erwin Schwarz – ein eigenartiges Paar. Zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Charakteren und Auffassungen, sich offenkundig aber einig in ihrem menschlichen Grundanliegen. Sie stehen füreinander ein. Dieses Bild passte nicht so recht in die damalige Gesellschaft. Es ist auch in der heutigen Welt der egoistischen Zwecke nicht gerade heimisch, bleibt also eine Aufgabe.

Jahre später. Ich plauderte mit Maria über gemeinsame Liebhabereien. Sie hatte einst im Russischunterricht ihrer Begeisterung für russische Kunst freien Lauf gelassen, gelegentlich auf den Lehrplan gepfiffen und uns Tschaikowski vorgespielt. Ich hatte inzwischen Tschechow für mich entdeckt. Das hielt sie für völlig selbstverständlich, behandelte der doch, wie sie meinte, noch immer bestehende Widersprüche. Ich habe sie auch damals in den 70ern nicht gefragt, welche Konflikte sie denn da sehe. Laufen in der Gesellschaft, die wir beide bejahten, Geist, Kunst und Politik immer mehr auseinander? Meine Ahnungen behielt ich für mich. Wir blieben beim Plaudern. Vertane Chance.

Maria war nach ihren KJS-Jahren wieder nach Berlin gegangen. Mit ihrer neuen Tätigkeit verwirklichte sie sich einen Lebenstraum: Sie begleitete ausländische Künstler, dolmetschte Engländer, Russen und Franzosen. Wenn ich sie in Köpenick besuchte, wurde es jedesmal sehr spät. Einmal sprengte ihre Mutter ärgerlich die Runde. Ich müsste doch Verständnis haben, Theres, so nannte sie die Tochter, sei sehr krank, brauche Ruhe. Es bleibe ihr nur noch wenig Zeit für ihre drei Kinder. Ich habe damals nicht zur Kenntnis genommen, wie das gemeint war und Maria wiegelte auch ab. Sie sprühte wie eh und je, erzählte und erzählte, so von ihren Reisen nach England und Dublin, von Einlagen ganz anderer Art als damals in Blankenburg. In Irland etwa hatte sie sich in Fehden zwischen Studenten eingemischt und war von den einen als üble kommunistische Agitatorin aus dem Osten beschimpft worden und von den anderen als bürgerliche Revisionistin.

Dummheit hielt Maria durch Bildung für überwindbar. Wirklich wütend wurde sie bei anderer Gelegenheit. Auf den Spuren von Shakespeare und englischer Geschichte habe sie zum Entsetzen ihrer Begleiter Mauern und Verbotsschilder ignoriert. Sie sei in Privatschlösser eingedrungen und habe Skandale provoziert: „Weltgeschichte zu Privateigentum machen – wo gibt‘s denn das? Kulturbarbaren!”

Das letzte Mal, noch zu DDR-Zeiten, hörte ich Marias Stimme im Radio. Bei einer Lesung mit Daniel Granin übersetzte sie Auszüge aus seinem Buch „Das Gemälde” und führte anschließend ein Interview mit ihm. Das tat sie mit einer solcher Anteilnahme, als wäre sie selbst der Autor, als wolle sie die Zuhörer beschwören: Leute, Leute, hört hin. Hier geht es um eure eigenen allerwichtigsten Angelegenheiten. Mischt euch ein!
Maria war eine Brücke zum selbständigeren Denken. Sie hatte nicht nur den Mut, die hiesige zunehmende Erstarrung zu empfinden und das auch auszusprechen. Sie hatte auch noch die Souveränität, die Lösung unserer Sorgen nicht im Austausch irgendwelcher Führungen zu suchen und auch nicht dort, wo nach ihrer Auffassung bunt drapiertes Mittelalter und bornierter Eigennutz als System herrscht.

Maria ist seit Jahren tot. Doch wenn es um Zukunft geht, um das Aufbrechen von Gewohntem, angeblich Selbstverständlichem, dann bleibt sie ein stiller Partner.
Und wer aus Spaß an der Freude zum Fasching oder sonstwo eine Einlage startet, der kann sicher sein – unsere Klassenlehrerin hätte noch eins drauf gesetzt.

Ulrich Weiß
(2011)

 
 
 
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