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Gedanken zum 40. Jahrestag unserer Schule

 

Wenn man von diesen 40 Jahren fast 38 selbst miterlebt, sogar mitgestaltet hat, dann sind die Gedanken, die sich zum Jubiläum ergeben, sehr umfangreich, sehr vielgestaltig, aber auch manchmal widersprüchlich. Jeder einzelne weckt Erinnerungen, muß aber zu einer Wertung in seine Zeit eingeordnet werden. Jeder der vielen ehemaligen Schüler unserer Schule nimmt seine Erinnerungen an diese Schule aus einem ganz bestimmten Lebensalter und aus einer relativ kurzen Zeitdauer heraus, sieht zuerst seine Klassen- und Trainingskameraden, dann die anderen Mitschüler und schließlich seine Lehrer - letztere vor allem nach dem Gesichtspunkt der Stundentafel oder beurteilt sie nach dem Aufwand für die erteilten Noten. Das war schon immer so, es wird wohl auch so bleiben.

Wenn ich an den langen Zeitraum denke, dann sehe ich in ihm einen wesentlichen Teil meines beruflichen, aber auch meines persönlichen Lebens. Meine Tätigkeit an der Kinder- und Jugendsportschule hat im Laufe der Jahre mein gesamtes Denken und Handeln maßgeblich beeinflußt. Ich war zwar immer nur im Unterrichtsbereich tätig, aber die Beachtung der sportlichen Aufgaben, die Probleme des Internatslebens verlangten oft Kompromisse in der schulischen Arbeit, ermöglichten andererseits eine gute Bewertung der Gesamtsituation.

Werde ich gefragt, welche Zeit wohl die schönste, die herausragendste war, so kann ich darauf gar nicht eindeutig antworten. Jeder Abschnitt ruft in mir Erinnerungen aller Art wach, klar, daß die angenehmen immer dominieren und lieber weitergegeben werden. Auffällig ist, daß ich mich an die ersten Jahre an der Schule, die doch nun schon 40 Jahre zurückliegen, noch gut erinnern kann. Wie oft habe ich von den Anfängen erzählt, von den vier Klassen, den 90 Schülern, mit denen wir begannen, den Klassenräumen im Internat, den insgesamt recht bescheidenen Anfängen. Wie wir täglich zum Mittagessen ca. 30 Minuten in einen Bad Blankenburger Betrieb marschierten, daß jeder Lehrer auch in solchen Fächern unterrichten mußte, die er vorher nur von der Stundentafel her kannte, daß wir auch im Internat Dienst machten und völlig ungewohnt, daß wir an manchem Wochenende mit zum Wettkampf fuhren. Ich möchte sagen, daß wir Lehrer zeitlich weit mehr eingesetzt waren als heute. Sicherlich sahen wir das damals nicht alles so optimistisch, aber es war notwendig, um die Schule in Gang zu bringen. Andererseits sehe ich aus heutiger Sicht auch, daß das Vertrauensverhältnis zwischen Schüler und Lehrer nie so eng war wie damals. Ich kannte nicht nur fast alle Zensuren jedes Schülers, sondern wußte auch Bescheid über seine sportlichen Leistungen, über den Zustand seines Internatszimmers und über sein Elternhaus. Zu Elternbesuchen fuhr ich bis Gera und Jena. Elternversammlungen der Schule fanden nicht nur in Bad Blankenburg statt, wir hatten unsere Stützpunkte in verschiedenen Städten des damaligen Bezirkes Gera. Dadurch kommt es natürlich, daß ich heute noch bei ca. der Hälfte der Schüler der ersten Jahrgänge mit den Namen der ehemaligen Jungen und Mädchen etwas anfangen kann. Ob ich sie heute auch alle wiedererkennen würde, bezweifle ich.

In den Jahren darauf entwickelte sich die Schule sehr schnell. Wir erhielten im Gebäude der neuerbauten Fröbelschule eigene Unterrichtsräume, eine eigene Küche und eine Turnhalle. Die Schülerzahl und die Klassenzahl erhöhten sich ständig. Im Jahre 1958 wurde an der Schule zum erstenmal ein Abitur abgelegt. Für die meisten von uns Lehrern war das Neuland. Besonders ich hatte Manschetten, zum einen wurde auch in meinem Fach Geographie geprüft, zum anderen war ich zum Zeitpunkt Klassenlehrer einer 10. Klasse, die zwei Jahre später das Abitur ablegen sollte. Eine Prüfung ist ja auch eine Prüfung für den Lehrer. Und wer blamiert sich gern. Der Jahrgang 1960 wurde auch für mich ein Höhepunkt in meiner Arbeit als Lehrer. Von den 28 Schülern des Jahrgangs bestanden 10 ihr Abitur sehr gut. Daß keiner versagte, versteht sich von selbst.

Wenig später übernahm ich für 19 Jahre die Leitung des Unterrichtsbereiches. Meine Aufgaben änderten sich damit erheblich. Die sportlichen Erfolge unserer Turner und Leichtathleten machten unsere Schule zu einer der bedeutendsten in der DDR. Der Trainingsumfang stieg, die Intensität des Trainings erhöhte sich. Vielen Schülern bereitete es Mühe, die Zeit für die Hausaufgaben aufzubringen. So teilten wir erstmals Klassen nach den Sportarten Turnen und Leichtathletik und ermöglichten damit einen intensiveren Unterricht, der wiederum Hausaufgaben einsparte. Später bildeten wir Fördergruppen und gingen in einzelnen Fällen sogar bis zum Einzelunterricht. Damit erreichten wir gute Ergebnisse. Gleichzeitig nahmen wir eine Aufgabe in Angriff, die sich im Laufe der Jahre im Umfang und in der Intensität zur wichtigsten in meiner gesamten Leitungstätigkeit entwickelte: die Einrichtung eines Fachunterrichtsraumsystems. Für mich persönlich wurde diese Aufgabe mehr und mehr zum Hauptinhalt meiner Arbeit an der Schule. In Bad Blankenburg gelang es uns, aus den von uns genutzten Räumen der Fröbelschule einzelne Fachunterrichtsräume zu gestalten. Sie sollten Schülern und Lehrern gute Zugriffsbedingungen zu den Lehrmitteln schaffen, die vorhandene Technik effektiver nutzen, eine Motivation für das betreffende Fach sein, die Freude am Unterricht erhalten und damit die Lernergebnisse verbessern. Ich glaube, dieses Ziel haben wir erreicht. Als dann die Verlagerung unserer Schule nach Jena mit der Aussicht auf ein eigenes Schulgebäude anstand, war das für mich ein entscheidender Grund, dorthin umzusiedeln. In Jena entstand dann das, wovon ich geträumt hatte: ein komplettes und alle Fächer umfassendes Fachunterrichtsraumsystem. Jahre haben wir daran gearbeitet. Und es hat sich, wie ich meine, bewährt. Es hat Schülern und Lehrern viel gegeben und gibt es hoffentlich noch lange. Das war für mich die Hauptsache. Denn die Anforderungen des Leistungssports wurden so hoch, daß wir nur noch durch reine Sportartenklassen, die von Turnen, Fechten, Ringen, Fußball bis zur Leichtathletik reichten, durch Gruppen- und vor allem Einzelunterricht und durch die Streckung des Abiturbereiches um ein Jahr die schulischen Aufgaben bewältigen konnten. Vom zeitlichen Ablauf des Unterrichts über den Umfang der Hausaufgaben, den Terminen wichtiger Klassenarbeiten bis zum Verlauf der Abschluß- und Reifeprüfungen ordneten wir uns voll dem Sport unter. Das deprimierte zwar nicht selten, aber über die errungenen Medaillen unserer Schüler freuten wir uns doch alle. Ich bin der Meinung, schulische und sportliche Höchstleistungen lassen sich gleichzeitig über einen längeren Zeitraum nicht erzielen, einer muß sich zeitweise unterordnen. Die richtigen Relationen zu finden, war immer das Problem. Die enge, direkte Zusammenarbeit des Klassenleiters, des Trainers und des Erziehers jeder Klasse bzw. Gruppe unter dem von uns geschaffenen Begriff „Kleines Pädagogenkollektiv" hat nach meiner Meinung die Hauptarbeit geleistet, um an einer Kinder-und Jugendsportschule erfolgreich zu bestehen.

Nach der Wende wurde die Existenz solcher Spezialschulen insgesamt infrage gestellt. Wir waren froh, als Gymnasium Weiterarbeiten zu können. Der Sportgedanke verfiel bei Schülern und Lehrern zusehends. Was uns als Lehrer am meisten erfreute, war die Tatsache, daß sich jedes Jahr so viele Schüler um eine Aufnahme bewarben, daß die Kapazität der Schule ständig ausgeschöpft war. Für mich war und bleibt das der Beweis, daß wir immer eine solide und in der Öffentlichkeit anerkannte Arbeit geleistet haben. Diese Erkenntnis ist für mich das wichtigste Ergebnis meiner 46jährigen Tätigkeit als Lehrer.

Wenn ich heute die Stellung meiner Schule betrachte, so sehe ich eine Wandlung. Es zeigt sich mehr und mehr, daß auch von „oben” erkannt wird, daß man Talente frühzeitig fördern muß. Über das „Wie" herrscht sicherlich noch keine völlige Klarheit. Das ist auch verständlich, denn man kann alte Strukturen nicht unverändert in eine neue Zeit übernehmen. Ich bin der Meinung, daß unsere Schule viele gute Traditionen - vor allem in den ersten Jahrzehnten - erworben hat, die durchaus wert sind, daß man sie wiedererweckt und in die heutige und künftige Zeit mit ihren neuen Aufgaben einbezieht. So haben sich meine Gedanken zum Jahrestag bewußt in dieser Zeit aufgehalten.

Anläßlich meines altersbedingten Ausscheidens aus der Schule habe ich allen Kollegen gesagt: „Bewahrt das Ansehen dieser Schule, macht sie zu einem anspruchsvollen Sportgymnasium!"

Rolf Kunze

 
 
 
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